Als Siegfried Luther vor 80 Jahren in die Luft ging

5. Jun 2020

Vereinsvorsitzender Wolfgang Lieder, Luftsportverein Ostharz e.V. Aschersleben und Siegfried Luther fachsimpeln auf dem Ascherslebener Flugplatz.
(Foto Großkreutz)

Es war ein Artikel in der MZ über die Geschichte des Flugplatzes in Aschersleben, der Siegfried Luther nicht mehr aus dem Sinn ging. So machte er sich auf, um nach den alten Schwarzweiß-Bildern im Kleinformat zu suchen, die ihn an seine Zeit als Flugpionier erinnern. Vielleicht wie kein anderer in unserer Region, kann der rüstige Rentner (Jahrgang 1927) auf eigene Flugaktivitäten in Aschersleben zurück blicken, die über 80 Jahre hinter uns liegen.
So schnappte sich Herr Luther die vergilbten Aufnahmen und verabredete sich mit Interessenten des Ascherslebener Flugplatzes zu einer Erinnerungsstunde. Namen und Ereignisse wurden erörtert, die schon vergessen schienen und bei den „alten Hasen“ in der Runde Erinnerungen weckten.
Siegfried ist ein echter Möhrenkopp und war Schüler der „Mittelschule“, später Lübenschule und nun Sitz der KVHS Salzlandkreis, Außenstelle Aschersleben. Er kann sich noch gut daran erinnern, dass Jungen und Mädchen durch einen hohen Drahtzaun in seiner Schule in der Augustapromenade voneinander fern gehalten wurden. Aber sein Interesse galt sowieso mehr der Technik und so gefielen ihm besonders die Herausforderungen im Werkunterricht. Dort sprach sich auch herum, dass man im Keller des Gymnasiums Flugzeugmodelle fertigte, was noch verlockender war.

Siegfried Luther ist bereit für einen Start im Segelflugzeug auf dem Ascherslebener Segelflugplatz in der Nähe des Wilslebener Sees. (Foto 1943) (Repro Großkreutz)

Am Hang zwischen Quenstedt und Arnstedt war es endlich soweit und die Praxis sollte den Beweis erbringen, ob die selbst gebauten Modelle wirklich flugtauglich waren. Bei den Modellen sollte es nicht bleiben, denn in den Werkstätten der „Melle“ (damals Neuer Kaffeegarten) wurden unter fachlicher Anleitung richtige Segelflieger gebaut und repariert. Hier lernte Siegfried also, wie ein Flieger von A bis Z zusammengebaut wurde, mit dem man vielleicht einmal selbst in die Luft gehen könnte. So war es nur folgerichtig, dass der Wunsch entstand, das Fliegen zu erlernen. In dieser Zeit, Ende der 1930erJahre gab es jedoch hier noch keinen Flugplatz, obwohl 1931 eine Segelfliegergruppe in Aschersleben gegründet wurde. Es fanden sich immer mehr Enthusiasten zusammen, um das motorlose Fliegen zu erlernen. Dazu musste er mit seinen Freunden vorerst nach Ballenstedt fahren, wo an den Gegensteinen bereits 1932 ein Segelflugplatz entstanden war. Auf dem wackligen „SG 38“ (Schulgleiter 38) hielt er zum ersten Mal den Steuerknüppel in der Hand und bewegte mit den Fußpedalen die Querruder. Um in die Luft abzuheben war eine eingespielte Mannschaft und Muskelkraft erforderlich. An der Vorderseite des Seglers zogen rechts und links je 6 Jungen an Gummiseilen, die an der Rumpfvorderseite befestigt waren. An der Heckseite hielten 4 Knaben den SG 38 fest, damit sich vorn die Gummiseile spannen konnten. Auf Kommando rannten die 12 Ziehenden den abschüssigen Berg herunter und der Segler wurde von der Haltemannschaft im richtigen Moment losgelassen. Nun konnte unter Nutzung von Wind, Geschwindigkeit und Thermik der Flug für die ersten Meter beginnen. Man saß im Freien und konnte die Elemente direkt wahrnehmen.
Das Jahr 1942 war für die Ascherslebener Geschichte des Flugsportes von besonderer Bedeutung, denn man begann, einen eigenen Flugplatz auf dem Gelände am Wilslebener See zu errichten. Die mühsamen Fahrten zu benachbarten Flugplätzen konnten entfallen. Außerdem wurde nun ein motorgetriebener Seilzug angeschafft, welcher Pilot und Segler in die Luft schleppte.
Sigfried Luther hatte sich inzwischen zu einem begeisterten und talentierten Segelflugpiloten gemausert. Gern erinnert er sich daran, als er auf dem Flugplatz Heeseberg bei Jerxheim in der „B-Prüfung“ seine ersten Kurven im Segelflieger meisterte. Mit der Nutzung des neu angelegten Flugplatzes am Junkersfeld konnte die Flugausbildung in Aschersleben perfektioniert werden. Den „C-Schein“ erwarb er aber an der damaligen Reichssegelflugschule am Höhenzug des Ith im Weserbergland. Allerdings war zu dieser Zeit der Weltkrieg bereits in vollem Gange und Siegfried konnte zwar seine Berufsbildung in der Maschinenfabrik „Billeter“ abschließen, wurde aber, noch minderjährig, in die Endphase des Weltkrieges geworfen. Damit war auch für ihn das Ende der Segelflugausbildung gekommen. Nach dem Krieg ließen es Studium, familiäre und berufliche Verpflichtungen in der „Wema“ nicht zu, dass er seine Pilotenlaufbahn fortsetzen konnte.
Heute erinnert sich Siegfried Luther gern an die Zeit, als das Segelfliegen seine liebste Freizeitbeschäftigung darstellte. Nach dem Weltkrieg dauerte es in Aschersleben bis 1955, dass die ersten Gleitflugzeuge wieder starten und landen konnten. 1960 wechselte der Ascherslebener Segelfliegerverein seinen Standort und zog an die Güstener Straße, wo er auch heute noch zu finden ist.

Kurt Großkreutz
Mai 2020